Das Lesen von der Grundschule bis zur Pubertät: Wie werden männliche Jugendliche zu Lesern?

ERIC SASSE

  • Grundschullehrer für Deutsch und Englisch
  • Rektor der Deutschorden-Grundschule Heilbronn

EIN PROJEKT ZUR FÖRDERUNG DES LITERARISCHEN LESENS UND DER LESEFREUDE VON JUNGEN UND MÄNNLICHEN JUGENDLICHEN DURCH DIE VERBINDUNG VON LITERARISCHEN GESPRÄCHEN UND VORLESEN

Jungen lesen nicht so gerne wie Mädchen und zudem auch weniger. Diese These scheint sich nicht nur in Alltagsbeobachtungen als wahr zu erweisen, vielmehr belegen sie ebenfalls viele empirische Untersuchungen und nicht zuletzt auch zahlreiche Programme zur Leseförderung für Jungen beispielsweise durch die Stiftung Lesen. Zwar ist ein solch komplexes Phänomen kaum monokausal zu beschreiben, dennoch spielt das kulturelle Männlichkeitskonstrukt unserer Gesellschaft hier sicherlich eine entscheidende Rolle. Lesen, vor allem das Lesen von literarischen Texten, gilt unter heranwachsenden Jungen als vorwiegend weiblich konnotierte Tätigkeit. Da es im häuslichen Kontext einerseits meist die Mütter und in der Schule vor allem Lehrerinnen sind, die den Kindern vorlesen, und viele Jungen deshalb bis zum Ende der Grundschulzeit fast ausschließlich weibliche Lesevorbilder haben, manifestiert sich diese Haltung mit jeder heranwachsenden Generation erneut. Meines Erachtens kommt dem Literaturunterricht in diesem Zusammenhang eine herausragende Bedeutung zu, da er häufig die einzige Möglichkeit für „literaturferne“ Jungen ist, sich mit literarisch anspruchsvollen Texten auseinanderzusetzen und Freude am Umgang mit ihnen zu entwickeln. Deshalb sind einerseits sinnvolle didaktische Arrangements vonnöten, die Jungen verstärkt berücksichtigen. Andererseits muss auch über eine Auswahl anspruchsvoller literar-ästhetischer Texte, welche Mädchen und Jungen ansprechen und sie zur Bedeutungssinnsuche animieren, diskutiert werden.

Um der Gefahr entgegenzuwirken, dass sich männliche Jugendliche zu Nichtlesern entwickeln, möchte ich zwei bereits bewährte Konzeptionen zur Förderung des Literarischen Lesens und der Lesemotivation zusammenführen und diese dezidiert als Mittel der Jungenförderung im Literaturunterricht etablieren. So scheinen mir auch aufgrund meiner bisherigen Untersuchungen und praktischen Erfahrungen als Grundschullehrer das regelmäßige Vorlesen, wie es Jürgen Belgrad in seinem Projekt „Leseförderung durch Vorlesen“ (PH Weingarten) vorschlägt, und das Literarische Unterrichtsgespräch nach dem Heidelberger Modell, das Gerhard Härle mit seinem Team entwickelte, für ein solches Vorhaben in besonderer Weise geeignet.

Das grundlegende Ziel meines Projektvorhabens ist die Förderung des Literarischen Lesens und der Lesefreude der Jungen und Jugendlichen sowie die Beantwortung der Frage, welchen Einfluss das Vorlesen mit einem stimmigen Gesamtkonzept und regelmäßige Literarische Unterrichtsgespräche auf die Lesemotivation und die allgemeine Einstellung der Jungen zu Literatur haben. Um diese Ziele zu erreichen, etabliere ich regelmäßige Literarische Unterrichtsgespräche in Verbindung mit sinnvollen Vorlesearrangements in Modellklassen verschiedener Schularten und ermögliche damit vielfältige literarische Erfahrungen mit anspruchsvollen literarischen Texten, wobei der Förderung des Literarischen Lesens, Lernens und Erlebens für Jungen ein besonderes Gewicht beigemessen wird, ohne dass das Konzept Mädchen benachteiligt. Gerade das Literarische Unterrichtsgespräch scheint nach den bisher vorliegenden Studien über ein erhebliches Potential zur gendersensiblen Förderung des Zugangs zu Literatur zu verfügen, das bislang noch nicht ausgeschöpft wurde.

An meinem Projekt nehmen zwei Grundschulen, zwei Werkrealschulen, zwei Gemeinschaftsschulen und ein Gymnasium mit insgesamt acht Klassen teil. Somit war es mir möglich, nicht nur fast alle Schularten, sondern auch sämtliche Klassenstufen zwischen der dritten und der neunten Klasse für mein Vorhaben zu gewinnen.

Seit Oktober 2017 führe ich an Schulen meist im monatlichen Rhythmus Literarische Unterrichtsgespräche nach dem Heidelberger Modell (LUG). Dabei konnte ich auch erste Erfahrungen mit diesen Gesprächen in inklusiven Unterrichtssettings sammeln. Mein Ziel war es, die Lehrkräfte zu selbst geleiteten LUG zu befähigen und zu motivieren. Dabei versuche ich, auf die Bedürfnisse der Schulen und Lehrkräfte einzugehen, indem ich sie bei der Textauswahl und der Vorbereitung der Gespräche berate und die Gespräche zunächst gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern leite. Im Anschluss an das LUG finden mit allen Schülerinnen und Schülern Feedbackgespräche im Klassenverband und in Kleingruppen statt.

Neben der Etablierung des LUG ist es ein weiteres Ziel meines Projekts, das Vorlesen an Schulen zu professionalisieren und sinnvoll mit dem LUG zu verknüpfen. Die Umsetzung dieses Vorhabens ist eine Herausforderung, da die Akteure auf verschiedensten organisatorischen Ebenen angesiedelt sind (Lehrkräfte, ehrenamtliche Pensionär/innen, ältere Schüler/innen, Jugendhelfer/innen etc.). An zwei Schulen fanden bereits erste Workshops statt, mit denen vor allem ehrenamtlich Vorlesende erreicht wurden, die bislang noch nicht pädagogisch oder didaktisch fortgebildet wurden.

Die literarischen Texte mit möglichen Gesprächsimpulsen werden schulintern auf verschiedenste Weise gesammelt und so auch Klassen zugänglich gemacht, die nicht direkt am Projekt teilnehmen. Zwei Schulen (Grundschule und Gemeinschaftsschule) besitzen eigene schulinterne Clouds, auf denen die Unterlagen gespeichert werden können.

Im laufenden Schuljahr 2018/2019 liegt der Fokus des Projekts auf folgenden Schwerpunkten:

  • Verstetigung des Projekts: Die schon jetzt teilnehmenden Klassen werden vor allem beratend und unterstützend begleitet.
  • Erweiterung des Projekts: Zunächst soll versucht werden, an den teilnehmenden Schulen (später eventuell auch an anderen Standorten) weitere interessierte Klassen zu finden, um nicht nur einzelne Klassen einer Schule zu erreichen. Die Lehrkräfte können sich online fortbilden und nutzen ergänzend die Erfahrungen anderer Lehrkräfte der Schule, an deren LUG sie teilnehmen können.
  • Qualitative Auswertung der LUG: Ziel ist herauszufinden, wie sich Schülerinnen und Schüler sowie deren Lehrkräfte in den Gesprächen verhalten und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Schularten und Altersklassen bestehen.