Entscheiden und Urteilen als Teil professionellen Lehrerhandelns im Schulalltag

ANJA LINTNER

Anja Lintner
  • Gymnasiallehrerin, StR’in für Deutsch, Sport und Pädagogik
  • Vollzeitabordnung (100%) im Projekt PLACE vom 01.09.2017–31.08.2018

ABSCHLUSSBERICHT

PROJEKTBESCHREIBUNG

Die Schule als Ort des sozialen Miteinanders fordert von den Lehrkräften, dass sie über den Schultag verteilt zahlreiche Entscheidungen treffen müssen und Urteile fällen. Angefangen von Situationen, in denen Lehrkräfte entscheiden, wie sie ihren Unterricht methodisch-didaktisch aufbauen, über Unterrichtssituationen, in denen sie schnell und flexibel reagieren müssen, bis hin zu Entscheidungen und Urteilen über die Weiterentwicklung einzelner Schülerinnen und Schüler am Schuljahresende (z. B. eine Nichtversetzung in die höhere Klasse oder eine Versetzung auf Probe aus pädagogischen Gründen). Es gibt dabei eine Vielzahl theoretischer Modelle, die Entscheidungen und Entscheidungsfindungsprozesse beschreiben. Grundlegend wird unterschieden, ob (1) eine intuitiv heuristische oder (2) eine rationale, informationsbasierte Entscheidungsstrategie gewählt wird. Beide Strategien beruhen auf der Verarbeitung von Informationen, wobei im ersten Fall eine stärker erfahrungsbasierte Beurteilung der Situation zugrundeliegt, während die zweite Entscheidungsstrategie auf einer differenzierten Beurteilung von Informationen und einer Abschätzung von Handlungsfolgewahrscheinlichkeiten beruht (vgl. Betsch, Funke, Plessner 2011). Bei Entscheidungsprozessen spielen zudem neben persönlichen Überzeugungen (z. B. Sitzenbleiben führt nicht zu Leistungsverbesserung)  professionsbedingten Vorgaben (z. B. Lehrpersonen müssen sich an die Versetzungsordnung halten), oft auch gesellschaftliche Erwartungen (z. B. Menschen sollten nicht nach ihrer schulischen Leistung bewertet werden) eine Rolle, und je nach Gewichtung dieser Aspekte fallen Entscheidungen und Urteile unterschiedlich aus. Hieraus kann sich für die Lehrperson ein Spannungsfeld zwischen eigener Überzeugung, institutionellen Vorgaben und gesellschaftlichen Normen ergeben, sodass die Entscheidungsfindung als Dilemma empfunden wird.

Solche Dilemmasituationen aufzulösen ist nicht leicht und es bedarf vertiefter Auseinandersetzung mit der Problematik, um in Entscheidungsfindungsprozessen Kognitionen (z. B. die rationale Betrachtung aller Informationen), Emotionen (z. B. Befürchtungen, Sorge vor Konsequenzen) und Handlungen (z. B. sich für eine Versetzung aus pädagogischen Gründen einzusetzen) zu steuern. Urteilen und Entscheiden im Schulalltag fällt hierbei in den Kompetenzbereich der diagnostischen Fähigkeiten, der dazu dient, Schülerinnen und Schüler nach festgelegten Kriterien zutreffend zu beurteilen (vgl. Artelt, Gräsel 2009). Dabei wird vor allem erwartet, dass Lehrpersonen in Hinblick auf ihre Urteile nicht nur akkurat, sondern vor allem auch differenziert vorgehen können, um jedem Einzelnen gerecht zu werden. Aber hier liegen auch die Schwierigkeiten im beruflichen Alltag, denn durch die Vielzahl der Schülerinnen und Schüler ist eine umfangreiche Diagnostik, wie es die standardisierten Verfahren der psychologischen Diagnostik (bspw. Intelligenzdiagnostik, Diagnostik von Teilleistungsstörungen, (klinische) Verhaltensdiagnostik) vorsehen, kaum umsetzbar. Zudem setzt deren Anwendung und Auswertung eine spezielle Ausbildung voraus, über die Lehrpersonen nicht verfügen. Dennoch ist das Entscheiden und Urteilen über Leistungen, Verhalten und angemessene Förderung von Schülerinnen und Schülern eine Kernaufgabe von Lehrkräften. Hier setzte die Projektidee an, die ich im Rahmen meiner Abordnung an die HSE verfolgte: Es sollten diejenigen Muster bei (angehenden) Lehrerinnen und Lehrern aufgedeckt werden, die in komplexen Situationen für eine angemessene Entscheidungsfindung hilfreich sein können.

Mein vorgelegtes Projekt fokussierte dabei die Lehrkraft und ihre Urteils- und Entscheidungsprozesse. Dabei wurde untersucht,

(1) welche Situationen für (angehende) Lehrkräfte Urteils- und Entscheidungsdilemmata darstellen,
(2) mit welchen Anforderungen diese einhergehen und
(3) wie angehende Lehrkräfte Dilemmasituationen beurteilen.

Darauf aufbauend ergaben sich folgende Schritte innerhalb des Projektes:

  1. Befragung von Lehrkräften und Erstellen einer Fallsammlung zu Urteils- und Entscheidungsdilemmata im Schulalltag

    In dieser ersten Projektphase wurde eine Befragung von Lehrkräften zu Urteils- und Entscheidungssituationen im Schulalltag. Dies erfolgte anhand von Interviews, die sowohl geschlossene Fragen zur Berufserfahrung, zum professionellen Rollenverständnis, aber auch zur empfundenen Belastung im Schulalltag (z. B. Unterricht, Elterngespräche, Entscheidungen) als auch offene Fragen zur Darstellung von als problematisch empfundenen Urteils- und Entscheidungssituationen enthielt.

  2. Bearbeitung der Fallsammlung zu Urteils- und Entscheidungsdilemmata durch Lehramtsstudierende

    In dieser Projektphase wurden die in der ersten Projektphase gesammelten Fallbeispiele zu Urteils- und Entscheidungsdilemmata im Schulalltag angehenden Lehrkräften vorgelegt. Der Entscheidungsfindungsprozess wurde dabei dokumentiert und Lösungsansätze reflektiert. Ziel war es zu untersuchen, welche Strategien die Studierenden wählten und wie sie die Lösungsansätze begründeten.

  3. Reflexion und Zusammenfassung der Ergebnisse

    In der dritten Projektphase standen die Reflexion und Diskussion der gewonnenen Erkenntnisse im Vordergrund. In dieser Projektphase wurden die Ergebnisse mit „critical peers“ aus dem heiEDUCATION-Netzwerk diskutiert.

ERKENNTNISGEWINN

Ein Erkenntnisgewinn durch das Projekt ergab sich auf unterschiedlichen Ebenen:

(1) Die Identifikation und Systematisierung von Urteils- und Entscheidungsdilemmata leistete einen wichtigen Beitrag zur Beschreibung von Anforderungen und Belastungen im Schulalltag. Hieraus ließen sich Folgerungen für die Professionalisierung von Lehrkräften ableiten. Es zeigte sich, dass entsprechende Dilemmasituationen insbesondere in den Bereichen „Versetzung und Übertritt“, „Leistungsbeurteilung“, „Inklusion“, „Mobbing“, „Umgang mit Unterrichtsstörungen“, „Schere zwischen eigenem Anspruch und Umsetzbarkeit im Beruf“, „Umgang mit Arbeitsbelastungen“, „Beschwerden über Lehrkräfte“, „Elterngespräche“ sowie „Abgrenzung von Freizeit und Arbeitszeit“ auftraten.    

(2) Die Auseinandersetzung mit  generierten Fällen zur Urteils- und Entscheidungsfindung von Lehramtsstudierenden bildete darauf aufbauend die Grundlage für eine differenzierte Beschreibung der Entscheidungsdilemmata und das Aufdecken eigener Denkmuster und Rollenvorstellungen. Die Studierenden lernten durch die Konfrontation mit den Fallbeispielen ihren eigenen Standpunkt besser kennen und erkannten, welche pädagogische Haltung sie in ihrer zukünftigen Rolle als Lehrer/in einnehmen. Um Professionalisierungsprozesse anzuregen ist es demnach besonders wichtig, das Entscheidungsverhalten in möglichen beruflichen Kontexten zu reflektieren und durch eine Wissensbasis zu untermauern.

Es zeigte sich zudem, dass es für die Ausbildung von (angehenden) Lehrpersonen besonders effektiv ist, sie mit schulischen Praxisprozessen zu konfrontieren und diese im Vorfeld zu überdenken, um einem gewissen „Praxisschock“ vorzubeugen. Insbesondere für Lehramtsstudierende stellen situationsspezifische Handlungsentscheidungen meist eine besondere Herausforderung dar, da der Rollenwechsel von der bekannten Schülerrolle in die unbekannte Lehrerrolle erst in Gang gekommen ist (Müller-Forbrodt et al., 1978).

Auf dieser Grundlage ist es essenziell, sich vertieft mit einer professionellen pädagogischen Haltung von Lehrpersonen auseinanderzusetzen, denn sie ist das Fundament pädagogischer Handlungsentscheidungen: Lehrer und Lehrerinnen mit einer professionellen pädagogischen Haltung sind in der Lage, zwischen möglichen widersprüchlichen beruflichen Vorgaben, gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen pädagogischen Überzeugungen im beruflichen Kontext angemessen agieren zu können (Reusser/Pauli 2014; Wahl, 2006). Die pädagogische Haltung spielt hierbei eine entscheidende Rolle, um professionell Entscheidungen treffen zu können, beruflichen Situationen gerecht zu werden und den Erwartungen sowie dem Druck standzuhalten.

LITERATUR

  • Artelt, C. & Gräsel, C. (2009). Diagnostische Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 23, 157–160.
  • Betsch, T./ Funke, J./ Plessner, H. (2011): Denken – Urteilen, Entscheiden, Problemlösen. Springer: Berlin/Heidelberg.
  • Reh, S., Geiling, U., & Heinzel, F. (2013). Fallarbeit in der Lehrerbildung. In B. Friebertshäuser, A. Langer, & A. Prengel (Eds.), Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft(4th ed.) (pp. 911-924). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.
  • Reusser, K., & Pauli, Ch. (2014). Berufsbezogene Überzeugungen von Lehrerinnen und Lehrern. In E. Terhart, H. Bennewitz& M. Rothland (Eds.), Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf (pp. 642-661). Münster, Germany: Waxmann.
  • Wahl, D. (2006). Lernumgebungen erfolgreich gestalten: Vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln. Bad Heilbrunn, Germany: Julius Klinkhardt.