Von der Schule zum KZ – und wieder zurück: Europäische Erinnerungskultur und Gedenkstättenpädagogik am Beispiel der KZ-Gedenkstätte Neckarelz

PROJEKTBESCHREIBUNG

Die gesellschaftliche Bedeutung von Gedenkstätten als historische Erinnerungsorte zur Demokratie-Erziehung ist unbestritten. Eine herausgehobene Rolle nehmen hierbei Gedenkstätten ein, die heute, 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung der Konzentrationslager, an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Besonders sichtbar wird die wichtige gesellschaftspolitische Bedeutung von KZ-Gedenkstätten darin, dass im Frühjahr 2017 den Gedenkstätten des ehemaligen französischen Konzentrationslagers Natzweiler und seiner Außenlagern das Europäische Kulturerbe-Siegel verliehen wurde – darunter auch die KZ-Gedenkstätte Neckarelz. Seit der Begründung des Kulturerbe-Siegels im Jahr 2007 wurden insgesamt 29 Orte in beinahe allen Mitgliedsländern der EU mit dem Siegel ausgezeichnet. Der Antrag der Natzweiler-Erinnerungsorte stellte dabei jedoch die erste grenzüberschreitende Bewerbung dar. Damit signalisiert die Verleihung des Kulturerbe-Siegels an die insgesamt 13 KZ-Gedenkstätten auf beiden Seiten des Rheins eindrücklich die besondere Bedeutung einer deutsch-französischen und damit einer europäischen Erinnerungskultur. Dabei wird das europäische Kulturerbe-Siegel an Stätten verliehen, die einen bedeutenden symbolischen Wert haben, die gemeinsame europäische Geschichte sowie die von allen geteilten Werte, insbesondere die Menschenrechte, hervorheben. In der Geschichtsdidaktik spielen Gedenkstätten als außerschulische Lernorte seit vielen Jahren eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang eröffnet die KZ-Gedenkstätte Neckarelz für die Schulen im Neckar-Odenwald-Kreis einen regionalgeschichtlichten Zugang zur NS-Geschichte. Die Schülerinnen und Schüler können hier am Exemplarischen und Anschaulichen nicht nur ihre historische Orientierungskompetenz schulen, sondern lernen auch in der aktiven Auseinandersetzung mit dieser Thematik viel über ethisch-moralische Grundfragen und demokratische Werteerziehung.

Am Auguste-Pattberg-Gymnasium Neckarelz leite ich seit 2014 die Lotsen-AG, bei der Schüler/innen sich ab Klasse 9 zu Jugendlotsen in der KZ-Gedenkstätte Neckarelz ausbilden lassen können und dann ab Klasse 10 die neuen 9. Klassen führen können, wenn diese in der NS-Unterrichtseinheit die Gedenkstätte besuchen. Die bereits bestehende Kooperation zwischen Schule und Gedenkstätte soll durch die Kooperation mit Lehrenden und Studierenden der Pädagogischen Hochschule und der Universität auf eine neue institutionelle und konzeptionelle Ebene gehoben werden.

Dabei beschäftige ich mich im Wesentlichen mit folgenden Fragen:

  1. Wie kann das bereits vorhandene didaktische Material in einer Art fächerübergreifenden Modulen von den Fächern Gemeinschaftskunde, Geschichte, Ethik/Religion, Geographie und Französisch kooperativ genutzt werden, um durch eine spiralcurriculare Verankerung der Gedenkstätte im Unterrichtsalltag eine langfristige und nachhaltige Kooperation der Schulen im Umkreis und der Gedenkstätte zu sichern?
  2. Wie können Synergieeffekte unter den Schulen im Umkreis der Gedenkstätte beispielsweise in der Durchführung einer gemeinsamen Jugendlotsen-Ausbildung (schulartübergreifend) genutzt und auch hier gemeinsames Lernen institutionalisiert werden? Und inwiefern muss eine Anpassung der bereits vorhandenen didaktischen Materialien an solche schulartübergreifenden bzw. inklusiven Lernsettings erfolgen?
  3. Wie kann eine Kooperation zwischen den beiden Hochschulen für Lehrerbildung in Heidelberg, den Seminaren für Didaktik und Lehrerbildung und der Gedenkstätte nachhaltig institutionalisiert werden, um eine Verzahnung von didaktischer Theorie und unterrichtspraktischer Umsetzung in Zukunft zu gewährleisten?
  4. Inwiefern können neue digitale Medien die Vermittlung dieser historischen Lerninhalte unterstützen (gerade auch im Hinblick auf schulartübergreifende und inklusive Lernsettings)?
  5. Inwiefern kann im Sinne der gemeinsamen europäischen Verantwortung ein Austausch im Bereich der Gedenkstättenpädagogik mit Studierenden, Schüler/innen und Lehrenden verschiedenster (Hoch-)Schularten auf beiden Seiten des Rheines über die Vermittlung dieser gemeinsamen Geschichte institutionalisiert werden beispielsweise in Form von länderübergreifenden Weiterbildungen für Lehrerende, Veranstaltungen für Studierende und Schüler/innen beider Länder?

LITERATUR

  • Alavi, Bettina/Lücke, Martin (Hrsg.): Geschichtsunterricht ohne Verlierer!? Inklusion als Herausforderung der Geschichtsdidaktik. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag 2016.
  • Alavi, Bettina: Lernen Schüler/innen Geschichte im Digitalen anders? In: Marko Demantorsky, Christoph Pallaske (Hrsg.): Geschichte lernen im digitalen Wandel. Berlin u. a.: Oldenbourg Verlag 2015. S. 3–16.
  • Gabriel, Regine (Hrsg.): „Es war sehr schön und auch sehr traurig“. Frühes Geschichtslernen an NS-Gedenkstätten für Kinder von 8–12 Jahren. Beispiele und Erfahrungen. Frankfurt a. M.: Wochenschau-Verlag 2018.
  • Haug, Verena: Am „authentischen“ Ort. Paradoxien der Gedenkstättenpadägogik. Berlin: Metropol Verlag 2015.
  • Hettinger, Anette: Täter, Opfer – und vor allem Zuschauer. Möglichkeiten und Notwendigkeiten der pädagogischen Arbeit zur nationalsozialistischen Vergangenheit in Gedenkstätten. In: Uffelmann Uwe und Seidenfuß, Manfred (Hrsg.): Verstehen und Vermitteln. Armin Reese zum 65. Geburtstag. Idstein: Schulz-Kirchner 2004, S. 223–241.
  • Lücke, Martin: Historisches Lernen im digitalen Klassenzimmer. Das Projekt „Shoa im schulischen Alltag“. In: Thomas Sandkühler/Charlotte Bühl-Gramer/Anke John/Astrid Schwabe/Markus Bernhardt (Hg.): Geschichtsunterricht im 21. Jahrhundert. Eine geschichtsdidaktische Standortbestimmung (Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 17). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag 2018, S. 465–485.
  • Markowitsch, Tobias: Verlagert – demontiert – ausgeschlachtet. Goldfisch 1944-1974. Vom NS-Rüstungsbetrieb zur Maschinenfabrik Diedesheim. Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur 2018.
  • Siemsglüß, Wiebke (KZ-Gedenkstätte Dachau): Tagungsbericht: Entgrenzte Erinnerung. Positionen und Projekte zur medialen und digitalen Erinnerungskultur aus Wissenschaft und Gedenkstättenarbeit, 25.01.2019–26.01.2019 Mainau. In: H-Soz-Kult, 18.04.2019, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8223.