Von der Schule zum KZ – und wieder zurück: Europäische Erinnerungskultur und Gedenkstättenpädagogik am Beispiel der KZ-Gedenkstätte Neckarelz

MICHELLE KÖNIG

Michelle König
Bild: © privat
  • Gymnasiallehrerin für Latein, Geschichte und Gemeinschaftskunde
  • Vollzeitabordnung (100%)  im Projekt PLACE vom 01.09.2019–31.08.2020

ABSCHLUSSBERICHT

AUSGANGSLAGE

Der 2019 vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg herausgegebene und seither für alle Schularten verbindliche LEITFADEN DEMOKRATIEBILDUNG „folgt einem umfassenden und ganzheitlichen Verständnis und betrachtet Demokratiebildung als Aufgabe und Mehrwert für alle Beteiligten und alle Fächer in der Schule.“ (S. 8). Als zentrales Ziel formuliert er die Extremismusprävention. Damit erscheint der Leitfaden zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Erinnerungskultur in Deutschland und in Europa in Bezug auf das Dritte Reich an einer historischen Epochenschwelle befindet, die durch das Ende der Ära der Zeitzeug/innen markiert wird und damit einhergehend von der Suche nach neuen, z. B. auch digitalen Formen der Erinnerungskultur gekennzeichnet ist. Diese Entwicklung fällt zusammen mit einem gleichzeitigen Erstarken des Rechtspopulismus in Deutschland und Europa. Das Ende der Epoche der Zeitzeug/innen der ersten Generation führt gedenkstättenpädagogisch u. a. dazu, dass verstärkt digitale Formen der Vermittlung der NS-Geschichte eingesetzt werden. Diese zunehmende Digitalisierung beispielsweise in Form von Virtual Reality und Augmented Reality bedarf dabei allerdings der intensiven methodischen und didaktischen Reflexion, um der Gefahr einer Überwältigung im Sinne des Beutelsbacher Konsenses vorzubeugen.


KONZEPT UND ZIELSETZUNG

Vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Veränderungen leistet mein Projekt einen Beitrag zur gegenwärtigen und künftigen Lehrer/innenausbildung. Im aktuellen Leitfaden Demokratiebildung wird den Gedenkstätten eine wichtige Rolle als externen Partnerinnen des Demokratielernens zugewiesen. Im Sinne einer „Erziehung nach Auschwitz“ soll hier der Zusammenhang zwischen demokratiefeindlichen Positionen und rassistischem Denken als Nährboden für Pogrome, Genozide und andere Menschheitsverbrechen am „authentischen“ außerschulischen Lernort ermöglicht werden. In meinem Abordnungsjahr habe ich das didaktische Potenzial der kleinen, regionalen und ehrenamtlich getragenen KZ-Gedenkstätten für die historisch-politische Bildungsarbeit in der Schule ausgelotet und die Möglichkeiten des Demokratielernens am undemokratischen, historischen Ort“ untersucht. Dabei stand die KZ-Gedenkstätte Neckarelz als Beispiel im Vordergrund, mit der ich als Geschichts- und Politiklehrerin am benachbarten Auguste-Pattberg-Gymnasium bereits seit 2013 kooperiere. Mein übergeordnetes Ziel war, die drei Lernorte Schule, Gedenkstätte und Hochschule miteinander zu vernetzen und Synergieeffekte zwischen den einzelnen Lernorten zu nutzen.


DURCHFÜHRUNG

AM LERNORT GEDENKSTÄTTE

DIGITALE ERKUNDUNG DES GESCHICHTSLEHRPFADS

Am Lernort Gedenkstätte habe ich in enger Zusammenarbeit mit den Mitarbeiter/innen der Gedenkstätte einen digitalen Geschichtslehrpfad über die App „Actionbound“ entwickelt, der sowohl von Schüler/innen als auch von Besucher/innen der Gedenkstätte und von interessierten Lai/innen genutzt werden kann. Mittels dieser digitalen „Schnitzeljagd“ kann nun handlungsorientiert und auf verschiedenen Niveaustufen die Geschichte dieses Ortes erkundet werden. Zur didaktischen Aufbereitung habe ich ein Logbuch erstellt, anhand dessen die Exkursion methodisch vorbereitet und reflektiert werden kann.

Der breiteren Öffentlichkeit wurde der Bound anlässlich des Tages des offenen Denkmals am 13. September 2020 vorgestellt (siehe RNZ-Artikel). Geplant ist, den Bound nach der ersten Erprobungsphase mit Schulkassen verschiedener Schularten zu erweitern und zu differenzieren. So sollen beispielsweise mehr Texte eingesprochen und Lernvideos entwickelt werden.

Dass ein digitales Lernangebot unter freiem Himmel mit allen Möglichkeiten des Abstandhaltens so wichtig werden würde, war zu Beginn meines Projektes nicht abzusehen; kann nun aber auch in Zukunft als „Alternative“ zum klassischen Besuch des Museumsgebäudes der Gedenkstätte genutzt werden.

Mit Kolleg/innen der beiden Hochschulen habe ich Materialien für eine Erkundung des Außengeländes der KZ-Gedenkstätte mit Hilfe eines Moodle-Frameworks erstellt. Der Zugang zu Inhalten (geschriebene Texte, Plakate, Plaketten, Videos) in der KZ-Gedenkstätte Neckarelz soll damit künftig nicht nur niveaudifferenziert und barrierefrei für alle Schularten (Sek.1) angeboten werden können, sondern – unter Pandemiebedingungen – auch in diesem Schuljahr unter freiem Himmel und eigenständig bzw. in Kleingruppen genutzt werden.

Der Lockdown ab Mitte März 2020 stellte alle drei Lernorte vor neue Herausforderungen. Recht bald wurde deutlich, dass Hochschulen, Schulen und außerschulische Lernorte wie Gedenkstätten, um die Kooperation auch unter Pandemie-Bedingungen aufrechterhalten zu können, neue Lernformate schaffen müssen. Hier habe ich in Zusammenarbeit mit den Kolleg/innen beider Hochschulen sowie der Gedenkstätte Moodle-Kurse für Studierende und Schüler/innen erstellt, anhand derer das Außengelände der Gedenkstätte sowie der sogenannte Goldfischpfad erkundet werden können.


EINFACHE SPRACHE

Die Texte der schon vorhandenen Lernkisten sowie die Ausstellungstexte, die für die historische Erkundung des Außengeländes der Gedenkstätte sowie der Gedenkstätte selbst gedacht und notwendig sind, habe ich in „einfache Sprache“ übertragen, um diese möglichst vielen Schulformen zugänglich zu machen. Deshalb hat sich die Gedenkstätte für die Anschaffung eigener Tablets entschieden, um die neuen Texte digital verfügbar zu machen, sodass diese beispielsweise auch vorgelesen werden oder schwierige Begriffe erklärt werden können usw. Die in Zusammenarbeit mit den Mitarbeiter/innen der Gedenkstätte erarbeiteten Module zur politischen Bildung mit den Themenschwerpunkten „Handlungsspielräume damals und heute“, „Europäische MR-Bildung“ und „Heimat“ konnten coronabedingt in diesem Schuljahr leider nicht durchgeführt werden, kommen aber im folgenden Schuljahr 2020/21 zum Einsatz.


WEITERBILDUNGSANGEBOTE FÜR KOLLEG/INNEN

Die eigens für diese neuen Lernformate geplanten Fortbildungen für Lehrer/innen aller Schularten (Sek. 1) wurden coronabedingt vom Mai 2020 auf das Frühjahr 2021 verschoben.

AM LERNORT SCHULE

BILDUNGSPARTNERSCHAFT AUGUSTE-PATTBERG-GYMNASIUM

Das Kollegium des Auguste-Pattberg-Gymnasiums hat dem von mir vorgelegten Kooperationsvertrag für eine Bildungspartnerschaft mit der KZ-Gedenkstätte Neckarelz durch einen bindenden Beschluss der Gesamtlehrerkonferenz zugestimmt. Dieser Kooperationsvertrag kann von anderen Schulen als Vorlage für eine zukünftige Bildungspartnerschaft mit (benachbarten) Gedenkstätten genutzt werden.
Meine Expertise aus dem Abordnungsjahr an der HSE werde ich an meiner Schule in der Arbeitsgruppe zum neu eingerichteten „Projekttag zur Extremismusprävention“ einbringen.

AM LERNORT HOCHSCHULE

LEHRVERANSTALTUNGEN

Das Angebot der HSE, im Abordnungsjahr auch in der Lehre tätig zu sein, habe ich gerne genutzt. Insgesamt habe ich an vier Lehrveranstaltungen beider Hochschulen mitgearbeitet. Das zweite Halbjahr meiner Abordnung war – verschärft durch die coronabedingte digitale Lehre – zu einem Großteil der Vor- und Nachbereitung dieser Veranstaltungen gewidmet. Die Juli-Lockerungen ermöglichten es, dass vier Studierendengruppen von Pädagogischer Hochschule und Universität eine Exkursion in die KZ-Gedenkstätte Neckarelz unternahmen und die von mir erarbeiteten Lernmaterialien ausprobierten und evaluierten.

Eine fünfte Gruppe nutzte den angelegten Moodle-Kurs sowie die App zum Geschichtslehrpfad Goldfisch als Möglichkeit der eigenständigen Exkursion aufgrund der Covid-19-Bestimmungen.


KÜNFTIGE ANKNÜPFUNGSPUNKTE FÜR INTERESSIERTE STUDIERENDE

Hier wäre denkbar, dass Studierende der Pädagogischen Hochschule und der Universität Heidelberg im Rahmen eines eigenen Anwendungsprojektes individuelle e-Learning-Formate im Bereich historisch-politisches Lernen entwickeln. Als Kooperations- und Bildungspartner würden dabei die KZ-Gedenkstätte Neckarelz sowie die (Förder-)Schulen im Neckar-Odenwald-Kreis dienen. Die einzelnen Projekte verbinden dabei die Themen e-Learning und Medienbildung auf der einen Seite mit den Themen historisch-politisches Lernen und Demokratiebildung auf der anderen Seite. Dabei wird stets ein konkreter Anwendungsbezug für die Gedenkstätte als außerschulischem Lernort hergestellt. Die KZ-Gedenkstätte Neckarelz bietet als Kooperations- und Bildungspartner zahlreiche Möglichkeiten, mediendidaktische und -pädagogische Zugänge mit medienwissenschaftlichen Techniken zu verbinden und praktisch in einem konkreten Vermittlungsangebot zu realisieren. Die einzelnen e-Learning-Formate können entweder als Projekt- bzw. als Verschränkungsmodul im Rahmen des Masterstudiengangs E-Learning und Medienbildung oder als Masterthesis ausgearbeitet werden.


VERGLEICHBARKEIT MIT ANDEREN KZ-GEDENKSTÄTTEN BZW. HOCHSCHULANGEBOTEN UND SCHULEN – BESTANDSAUFNAHME LANDESWEIT/BUNDESWEIT

Ein Weiterbildender Masterstudiengang für „Gedenkstättenarbeit und Menschenrechtsbildung in sozialen Berufen“ wie ihn die Hochschule Nordhausen ab dem kommenden Wintersemester – bislang bundesweit einzigartig – anbietet, könnte ein mögliches Beispiel für eine HSE-Zusatzqualifikation sein und würde die Lehramtsausbildung bereichern.

FORTDAUERNDE KOOPERATIONEN MIT DER HSE

Die Beteiligung an der Weiterbildungsveranstaltung „NS-Großarchitektur als außerschulische Lernorte: Lokale und nationale Perspektiven“ mit Stefanie Samida und Ralph Höger im Oktober 2020 sowie die Beteiligung an der Digital Autumn School: Transculturality in Teacher Education  im November 2020 sind zwei „Brücken“, die zur HSE bestehen bleiben, auch, wenn ich nun ab September wieder an meiner Schule als Lehrerin tätig sein werde.


LITERATUR

  • Gloe, Markus: Holocaust Education − Demokratielernen − Menschenrechtsbildung. Ein Kommentar aus Sicht der politischen Bildung. In: Aufarbeitung und Demokratie. Perspektiven und Felder der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur in Deutschland, hrsg. von Hannes Liebrandt und Michele Barricelli, Frankfurt a. M. 2020, S. 225–238.
  • Ulrich, Susanne: Mission impossible? Demokratielernen an NS-Gedenkstätten. In: Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik, hrsg. von Barbara Thimm, Gottfried Kößler, Susanne Ulrich. Frankfurt a. M. 2010, S. 53–58.
  • Kaiser, Wolf / Rinke, Kuno: Zum Verhältnis von historischer und politischer Bildung in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. In: Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, hrsg. von Elke Gryglewski, Verena Haug, Gottfried Kößler, Thomas Lutz und Christa Schikorra. Berlin 2015, S. 147–165.