Armut hat viele Gesichter

KAMINGESPRÄCH DER HSE: WIE KÖNNEN WIR BILDUNGSARMUT UND ANDEREN NOTLAGEN ENTGEGENWIRKEN?

Dr. Dennis Dietz, Prof. Dr. Havva Engin, Dr. Eduardo Bacquet-Peréz, Harald Gropp und Dr. Christiane Wienand sitzen vor dem digitalen Kaminfeuer im HSE-Konferenzraum.
Dr. Dennis Dietz, Prof. Dr. Havva Engin, Dr. Eduardo Bacquet-Peréz, Harald Gropp und Dr. Christiane Wienand beim Kamingespräch. | Bild: PHHD/Antje Karbe

Bei Armut denken wir erstmal an Lebenshaltungskosten und Geldmangel: Wer in Deutschland weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Dass Armut weit mehr Gesichter hat, war Thema des Kamingesprächs „Armut und Schule“ an der Heidelberg School of Education (HSE), der gemeinsamen Einrichtung von Universität und Pädagogischer Hochschule. Eingebettet in die stadtweite Aktionswoche gegen Armut und Ausgrenzung hatte die HSE zu einem Gespräch über Notlagen im Kontext von Bildung eingeladen. Auf dem Podium saßen Prof. Dr. Havva Engin (Pädagogische Hochschule Heidelberg), Dr. Eduardo Bacquet-Peréz (Institut für Heilpädagogik und Erziehungshilfe Heidelberg) und Harald Gropp (Landeskonferenz für Armut). Moderiert wurde der Abend von Dr. Christiane Wienand und Dr. Dennis Dietz (beide HSE). 

ARMUT WIRD VERERBT

Genauso beeinträchtigend wie materielle Not könne ein Mangel an sozialen Netzwerken, gesundheitliche Armut oder kulturelle Armut sein, also der fehlende Zugang zu Bildung, Wissen und Sprache, sagte Prof. Dr. Havva Engin, die zu unter anderem zu Migrationspädagogik und transkultureller Pädagogik forscht. Wie stark solche Armutsformen ausgeprägt seien, zeichne sich bereits an den Startbedingungen eines Kindes ab, so die Wissenschaftlerin. Dies zeige leider auch die PISA-Studie regelmäßig: „In Deutschland wird Armut vererbt.“ 
Für Eduardo Bacquet-Peréz war Bildung im Rückblick der Weg aus schwierigen Verhältnissen, wie er berichtete. Seine Kindheit in der chilenischen Diktatur sei durch materielle Armut geprägt gewesen. „Aber wir hatten ein Haus voller Bücher, ich habe Sprachstrukturen und die Fähigkeit, zu reflektieren, gelernt und das hat mich im Leben vorangebracht“, so der Pädagoge, der sich auf Kinder in schwierigen Lebenslagen spezialisiert hat. 
Armut trotz Bildung, das ist wiederum Lebensrealität für Harald Gropp, der auf Wissenschaftsgeschichte und Mathematik spezialisiert ist und sich als Aktivist für gesellschaftliche Teilhabe einsetzt. Er kenne viele Menschen, die sich wie er in einem täglichen Überlebenskampf befänden, sagte er im Gespräch. Auch für ihn sei der Rückgriff auf sein Wissen und seine Fähigkeiten überlebensnotwendig, um seinen Alltag zu bewältigen.

BILDUNGSPOLITIK BEI DEN SCHWÄCHSTEN BEGINNEN

Wo also muss die Gesellschaft, wo Bildung ansetzen, um Armut in ihren verschiedenen Dimensionen zu bekämpfen? Zum einen braucht es die passenden politischen Rahmenbedingungen, war sich das Podium einig. Beispielsweise für ein Bildungssystem, das auf Teilhabe ausgerichtet ist: Engin wünschte sich hier für Deutschland eine andere Priorisierung der Bildungsausgaben. Hilfreicher als frühzeitige Selektion sei ein Fördersystem, das schon die Vorschulkinder in den Blick nehme, sagte die Wissenschaftlerin, in Hamburg werde dies erfolgreich praktiziert. „Gerechte Bildungspolitik startet bei den Schwächsten.“ 
Um Bildungsarmut zu beseitigen muss Schule zudem einen Rahmen bieten, der alle Kinder abholt und in ihrer Entwicklung unterstützt, das war an dem Abend ebenfalls Konsens. Bei Kindern in schwierigen Lebenslagen gehe es erstmal weniger um Lerninhalte als um Aktivitäten, bei denen sie Sinnhaftigkeit erlebten, sagte Bacquet-Peréz. „Bildung ist mehr als die Aneignung von Wissen.“

BERÜHRUNGSÄNGSTE ABBAUEN

Mehr gesellschaftliche Solidarität und weniger Berührungsängste wünschte sich Gropp. Ein Großteil der Gesellschaft wisse gar nicht, mit welchen Schwierigkeiten manche Menschen lebten. „Es gibt in Heidelberg zu wenig Räume, an denen Menschen zusammenkommen, die sonst nie aufeinandertreffen.“
Unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen Begegnungen ermöglichen, das kann auch die Lehrkräftebildung, so ein wichtiges Resümee des Kamingesprächs. Ohnehin gehört es zum Auftrag von PHHD und Universität, angehende Lehrer:innen auf die Arbeit mit Kindern in schwierigen Lebenslagen vorzubereiten. Sie sehe ein Riesenpotenzial für die Lehrkräftebildung, Menschen in verschiedenen Lagen zu erreichen und zusammenzubringen, sagte Engin, „wir machen schließlich die Gesellschaft von morgen.“


Dieser Text von Antje Karbe erschien zuerst auf der Website der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

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